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Zwischen No-go-Area und Comfort Zone

6. November 2009 Keine Kommentare

Gestern feierte Günter Wallraffs Film „Schwarz auf Weiß“ in Hamburg Premiere. Meine Hochachtung für Wallraff bleibt ungebrochen – auch wenn der Film durch einige Szenen an Aussagekraft einbüßt.

Premiere von

Premiere in Hamburg

Es gibt Rassisten in Deutschland. Das weiß jeder. Doch dass es nicht immer die kahlgeschorenen, springerbestiefelten und bomberbejackten Vollidioten sind, wird gerne verdrängt. Wallraff lässt uns das in seinem Film nicht durchgehen. Gnadenlos führt er den Zuschauern den alltäglichen, „ganz normalen“ Rassismus in Deutschland vor Augen: sei es den offenen Rassismus pöbelnder Hooligans oder den latenten Rassismus schweigender Mitmenschen. Obwohl ich solche Szenen erwartet hatte, fiel mir an manchen Stellen dann doch die Kinnlade herunter, z.B. als ein oberbayrischer Beamter damit droht, die Polizei zu rufen, obwohl Wallraff lediglich um eine Auskunft gebeten hatte.

Angesichts dessen mag es überraschen, dass an einigen Stellen auch gelacht wurde. In der anschließenden Fragerunde mit Günter Wallraff zeigte sich eine schwarze Zuschauerin dann auch entsprechend schockiert. Viele im Publik – darunter auch ich – fühlten sich ertappt. Darf man in einem Film wie „Schwarz auf Weiß“ lachen? Ich finde, man darf. Denn schließlich wurde nie über den dunkelhäutigen Menschen gelacht, den Wallraff verkörperte. Es war schlichtweg die Absurdität einiger Szenen, die einen ungläubig lachen ließ. Etwa als Wallraff seinen Hund bei einer Hundeschule anmelden möchte und gesagt bekommt, dass der Jahresbeitrag 300 Euro betrage und man ohnehin gerade Aufnahmestopp habe. Denn kurz darauf wird eine weiße Hundebesitzerin fast schon mit Kusshand aufgenommen – für 65 Euro im Jahr versteht sich.

Wallraff zeigt aber auch Menschen, die ihn freundlich behandeln, ihm helfen und in Schutz nehmen. Der Film hätte damit eine anschauliche Mini-Sozialstudie werde können – sieht man einmal davon ab, dass der fast durchgängige Einsatz von Miniaturkameras eine visuelle Zumutung ist. Doch leider beeinträchtigen einige Szenen nachhaltig den Gesamteindruck. Bei mehreren Gelegenheiten spielt Wallraff nämlich nicht einen Schwarzen, sondern (wohl ungewollt) einen komischen Kauz, der zufällig schwarz ist. So kommt er manchmal fremden Menschen sehr nah, z.B. wenn er mit Volksfestbesuchern mitschunkeln will oder sich (wenn ich mich richtig erinnere) ungefragt zu einem Rentnerpärchen auf die Parkbank setzt. Dass diese Menschen dann abweisend reagieren, kann doch einfach daran liegen, dass Wallraff ihnen zu sehr auf die Pelle rückt und dadruch ihre „comfort zone“ verletzt. Rassistische Motive müssen dabei nicht zwangsläufig eine Rolle gespielt haben. Hier bleibt der Film in meinen Augen zu diffus. Als Journalist hätte Wallraff nachhaken müssen, um herauszufinden, warum einige Leute ablehnend reagiert haben.

Gelegenheit dazu wird er haben. Bereits nach der Premiere kündigte er eine Fortsetzung an.

Wallraffs Blick hinter die Gardinen

21. Oktober 2009 Keine Kommentare

Er war Hans Esser bei der „Bild“ und erlebte als Ali, was es bedeutet, ganz unten zu sein: Günter Wallraff, investigativer Journalist und Verwandlungskünstler. Ab morgen ist er im Film „Schwarz auf Weiß“ in den Kinos zu sehen. 14 Monate lang tourte Wallraff in der Rolle eines Schwarzen durch Deutschland und bekam Fremdenfeindlichkeit in all ihren Facetten zu spüren.

Vorab schrieb er in der ZEIT, was es bedeutet, „in fremder Haut“ zu stecken. In der Nähe meiner Heimatstadt Minden erkundigte er sich zum Beispiel auf einem Campingplatz nach einem Stellplatz und bekam schließlich vom Eigentümer zu hören: „Ja, wie soll ich sagen. Das ist die Hautfarbe, ob man eben schwarz ist oder weiß. Die [anderen] werden immer einen Bogen um Sie machen.“

Als besonders unangenehm empfand Wallraff diejenigen, die den Rassismus als „ideologisches Klebemittel“ brauchen, um sich ihrer nationalen Identität zu versichern – und das sind nicht wenige. So zitiert Wallraff eine Untersuchung des Soziologen Wilhelm Heitmeyer, nach der rund ein Drittel der Deutschen rassistische Vorurteile pflegten. In einem Interview, das ich vor gut zwei Jahren mit Heitmeyer führte, betonte dieser, dass fremdenfeindliche Gewalttaten zwar meist von Jüngeren begangen würden. Die feindseligen Einstellungsmuster seien aber eher „hinter den Gardinen“ vorhanden. Diese lieferten die Legitimation für aggressives Verhalten.

Wallraffs Blick hinter diese Gardinen ist – drei Jahre nachdem „die Welt zu Gast bei Freunden“ war – sicher nicht angenehm, aber es ist wichtig, dass er ihn gewagt hat.

Updates:

22.10.2009:

Günter Wallraff kommt am Donnerstag, den 05.11.2009 um 20 Uhr zur Hamburger Premiere ins Abaton.

01.11.2009:

Wie das Mindener Tageblatt berichtete, behauptet der Besitzer des Campingplatzes, Wallraff habe die Zitate aus dem Zusammenhang gerissen. Wallraff bezeichnete dies als eine “absolute Lüge”.