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Wenn dem Weserspucker die Galle hochkommt

9. März 2010 Keine Kommentare

Obwohl ich im beschaulichen Mühlenkreis aufgewachsen bin, gehört die Lektüre des wöchentlich erscheinenden Anzeigenblatts “Weserspucker” aus Minden nicht zu meiner regelmäßigen Lektüre. Aus guten Grund, wie ich kürzlich feststellen musste.

Weserspucker vom 4. März 2010

Weserspucker vom 4. März 2010

Unter dieser Überschrift verfasste “Ihr Weserspucker” ein Pamphlet, in dem er (oder sie?) sich darüber echauffierte, dass die Piratenpartei die Kühnheit besaß, Wahlplakate aufzuhängen.

Ausgerechnet von jener Partei, die [...] vor der letzten Wahl peinlich auffiel, weil sie den durch einen handfesten Kinderpornoskandal beschädigten SPD-Politiker Jörg Tauss mit offenen Armen aufgenommen hatte.

Das Aufstellen der “plakative[n] Plakate” (welch Wortspiel!) stellt aus Sicht des Verfassers eine Ordnungswidrigkeit dar, was allerdings nicht näher begründet wird und im Übrigen seitens der Piraten bestritten wird.

Den Piraten rät er, ihren “Müll” wegzuräumen und das zu tun, was sie am besten könnten: “ins Internet glotzen und irgendwelchen Unfug verzapfen.”

Damit beweist “Ihr Weserspucker”: Die Verwendung einer spitzen Feder setzt nicht voraus, dass man auch über einen scharfen Verstand verfügt.

Den vollständigen Kommentar kann man hier lesen. Lesenswert ist der Blogeintrag von Oliver Hallmann.

Nachtrag vom 16. März 2010:

Wie @Rainer_Klute via twitter mitteilte, wird der Weserspucker am 18. März 2010 eine Gegendarstellung veröffentlichen.

Nachtrag vom 19. März 2010:

Hier die Gegendarstellung im Weserspucker (bitte Kopf um 90° nach links neigen).

Wallraffs Blick hinter die Gardinen

21. Oktober 2009 Keine Kommentare

Er war Hans Esser bei der „Bild“ und erlebte als Ali, was es bedeutet, ganz unten zu sein: Günter Wallraff, investigativer Journalist und Verwandlungskünstler. Ab morgen ist er im Film „Schwarz auf Weiß“ in den Kinos zu sehen. 14 Monate lang tourte Wallraff in der Rolle eines Schwarzen durch Deutschland und bekam Fremdenfeindlichkeit in all ihren Facetten zu spüren.

Vorab schrieb er in der ZEIT, was es bedeutet, „in fremder Haut“ zu stecken. In der Nähe meiner Heimatstadt Minden erkundigte er sich zum Beispiel auf einem Campingplatz nach einem Stellplatz und bekam schließlich vom Eigentümer zu hören: „Ja, wie soll ich sagen. Das ist die Hautfarbe, ob man eben schwarz ist oder weiß. Die [anderen] werden immer einen Bogen um Sie machen.“

Als besonders unangenehm empfand Wallraff diejenigen, die den Rassismus als „ideologisches Klebemittel“ brauchen, um sich ihrer nationalen Identität zu versichern – und das sind nicht wenige. So zitiert Wallraff eine Untersuchung des Soziologen Wilhelm Heitmeyer, nach der rund ein Drittel der Deutschen rassistische Vorurteile pflegten. In einem Interview, das ich vor gut zwei Jahren mit Heitmeyer führte, betonte dieser, dass fremdenfeindliche Gewalttaten zwar meist von Jüngeren begangen würden. Die feindseligen Einstellungsmuster seien aber eher „hinter den Gardinen“ vorhanden. Diese lieferten die Legitimation für aggressives Verhalten.

Wallraffs Blick hinter diese Gardinen ist – drei Jahre nachdem „die Welt zu Gast bei Freunden“ war – sicher nicht angenehm, aber es ist wichtig, dass er ihn gewagt hat.

Updates:

22.10.2009:

Günter Wallraff kommt am Donnerstag, den 05.11.2009 um 20 Uhr zur Hamburger Premiere ins Abaton.

01.11.2009:

Wie das Mindener Tageblatt berichtete, behauptet der Besitzer des Campingplatzes, Wallraff habe die Zitate aus dem Zusammenhang gerissen. Wallraff bezeichnete dies als eine “absolute Lüge”.

Klick. Klick. Klick. Klick. Klick …

4. September 2009 1 Kommentar

Das Hamburger Abendblatt berichtete heute auf seiner Website über das neue Fahrrad-Leihsystem (kurz StadtRAD). Anlass war die Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage des Abgeordneten Klaus-Peter Hesse (CDU) vom 24.08.2009. Dieser wollte unter anderem wissen, wo denn in Zukunft neue Ausleihstationen entstehen sollen. „Interessant“, dachte ich mir, schließlich leihe ich mir selbst gerne ab und an mal ein StadtRAD aus. Ein toller Service des Hamburger Abendblatts also, schon einmal die geplanten Stationen aufzulisten. Denkste!

Statt einfach die in der Drucksache veröffentlichte Liste zu kopieren und einzufügen oder (noch besser) die Stationen auf einem Stadtplan einzuzeichnen, entschied man sich in der Online-Redaktion für eine andere Darstellungsform: die Klickstrecke. Um zu erfahren, wo man sich in Zukunft sein StadtRAD ausleihen kann, muss man sich also Station für Station durch die Liste klicken.

Typische Klickstrecke auf abendblatt.de

Typische Klickstrecke auf abendblatt.de

Dass das unglaublich nutzerunfreundlich ist, scheint beim Abendblatt niemanden zu interessieren. Warum auch. Jeder Klick beschert einer Website in der Regel eine neue „Pageimpression“. Das kann nicht nur das eigene Ranking in Suchmaschinen positiv beeinflussen, sondern auch zu höheren Werbeerlösen führen (weitere Informationen dazu hier). Was ich mich jetzt frage: Durchschauen das die Werbekunden nicht?

Hier übrigens die Liste der geplanten StadtRAD-Stationen nebst Stadtplan. Gern geschehen.